
Es war ein wunderbarer Altweibersommer, Ende Oktober 1991. Kurz nach 16:00 Uhr biegt das Motorrad von der Leutkircher Landstraße in den idyllischen Rotisweg ab. Es sind nur wenige Kurven, bis zum Haus von
Inge Aicher-Scholl, der Schwester von Hans und Sophie Scholl. Ihr Mann widmet sich im Vorgarten gerade dem Rasen, als die Maschine in der letzten Kurve vom Weg abkommt. Sie erfasst den weltberühmten Designer. Sechs Tage später erliegt
Otl Aicher seinen schweren Verletzungen.
Drei Jahre zuvor schuf er sein bekanntestes Werk, die Hybrid-Schrift
Rotis, benannt nach seinem Wohnort. Das Besondere der Schriftfamilie waren die bis dato unbekannten Varianten Semi-Antiqua und Semi-Grotesk, sowie eigenwillige Einzelformen, zum Beispiel das gemeine e und c. Dem Siegeszug der Schrift schadete ihre »Ecken und Kanten« nicht, ganz im Gegenteil: Sie hat bis heute glühende Verehrer. 2009 erschien die Familie erstmals mit griechischem und kyrillischem Zeichensatz.
Titel des Standardwerks »Typographie«, jüngst als Reprint bei Hermann Schmidt (Mainz) erschienen
Auch wer den typografischen Standpunkten von Otl Aicher kritisch gegenüber steht muss anerkennen, dass er wie kein anderer die Auseinandersetzung mit der Typografie vorangetrieben hat. Seine Buch zur Schrift Rotis (»Typographie«) wurde jüngst als Reprint wiederveröffentlicht.
Aicher überprüft die Reinzeichnung seiner Schrift Rotis Sans (Foto: Agfa)
Ein letzter prüfender Blick auf die Film-Probeabzüge der Rotis (Foto: Agfa)
Permalink
christoph stoelpel am: 27. Jan 2007
zum thema rotis erschien erst vor kurzem eine durchaus interessante und sauber gestaltete publikation "rotis – eine streitschrift" im verlag hermann schmidt mainz, die übrigens ebenso die wirkung und den erfolg einer (lieblings)schrift untersucht.
und es gab auch eine top ten der lieblingsschriften: helvetica auch hier auf platz 1 und das unter »laien«.
mehr über das ganze gibts auch hier:
http://www.stereotyp-e.de/
freejack am: 8. Feb 2007
was ist denn von den versalien in der rotis zu halten. nach aichers reiner lehre muss ja doch alles in gemeinen geschrieben werden, wenn man kein zeichen von unterdrückung setzen möchte? daher kamen die versalien ja auch erst nachträglich in die rotis mit rein.
old nobody am: 9. Feb 2007
freejack, du legst den finger in die offene wunde. erst nachträglich mit rein? die reine lehre sowie die revolution bereits durch den schöpfer verraten? das schreit nach aufklärung – bitte genaueres, wenn möglich
Jürgen am: 9. Feb 2007
Rotis ist das Ergebnis eines ideologisch geprägten Design-Verständnisses. Themen wie Lesbarkeit oder Einsatzgebiete spielen eine untergeordnete Rolle. Dementsprechend das Ergebnis. Erik Spiekermann schrieb mir heute: »Rotis hat schreckliche Versalien.« Wahrscheinlich wurden sie nicht mit Liebe gemacht.
old nobody am: 9. Feb 2007
uff uff – die Sache mit den Versalien wär dann ja erstmal sauber geklärt. Allerdings spielte ein Thema wie Lesbarkeit gerade die Hauptrolle bei ihrer Entwicklung, wenn man dem auteur glauben darf. Zitat: »Warum Otl Aicher eine neue Schrift entwickelte, erklärte er 1989 in der Zeitschrift arch :
›Es gibt dafür viele Gründe. Der entscheidende ist die bessere Lesbarkeit.‹ …« Was ging schief? Und warum? War’s wieder Mangel an Liebe?
Marc am: 13. Feb 2007
»Bessere Lesbarkeit« gegenüber was? Spätestens ab 10 pt gibt zum Beispiel das gemeine »e« der Rotis den guten Geist der Lesbarkeit auf.
Marc am: 13. Feb 2007
»Bessere Lesbarkeit« gegenüber was? Spätestens ab 10 pt gibt zum Beispiel das gemeine »e« der Rotis den guten Geist der Lesbarkeit auf.
prora am: 19. Apr 2007
Also die lesbarkeit – bei der sans ist das doch bestimmt nicht das hauptmotiv ... viel mehr, die »lesbarkeit« im übertragenen sinne. die schrift ist, obwohl so »normal«, wiedererkennbar, auch für laien, so stark, dass berühmte parlamentserbauer damit ihre anonymität in wettbewerben überwinden konnten (und gewannen bei den deutschen entscheidern...). da mag der urheber sagen was er will, lesbar im text ist gerade mal die serif, die sans bleibt immer etwas stolz. und das ist, so meine ich, das gegenteil von lesbar.